Power to the People 2.0 – Internetmob macht mobil.

Inzwischen, nach nur knapp zwei Tagen, schon fast ein Klassiker der Internetgeschichte, zu dem ich eigentlich nichts mehr posten wollte, wurde dazu doch bereits anderswo genug geschrieben. Aber irgendwie ist die Geschichte um die im Netz veroeffentlichten AACS-Verschluesselungscodes und den damit verbundenen Kampf zwischen Medienindustrie und Netzcommunity doch viel zu vielschichtig, als dass ich dies auch nur irgendjemandem vorenthalten moechte. Und vor allem taugt sie auch prima als Parabel auf das, was die alte Hure Internet schon immer sein wollte – das basisdemokratischste aller Medien. Und nicht zuletzt gibt diese Geschichte auch einen hervorragenden Vorgeschmack auf all die Veranederungen, die im Zuge der Digitalisierung da noch auf uns zukommen koennten.

Aber kurze Rueckblende. Seit geraumer Zeit kursierte also einer dieser besagten AACS-Codes im Netz, die zur Dechiffrierung von HD-DVDs und Blue-Ray-Discs dienen. Nachdem vorgestern sowohl Digg als auch Wikipedia offiziell durch die AACSLA – ein Industriekonsortium welches mit einigen der groessten Technologie- und Medienkonzernen von Microsoft ueber IBM bis Disney besetzt ist – aufgefordert wurde, die Codes unverzueglich von ihren Seiten zu entfernen, versuchten die Seitenbetreiber, diesem mehr oder weniger hehren Wunsch nachzukommen, um etwaigen kostspieligen Prozesse aus dem Weg zu gehen. So informierte Digg-Gruender Kevin Rose seine Nutzer vorgestern in einem Post ueber die Loeschung der Codes mit dem Verweis auf die aktuelle Rechtslage und das Risiko zermuerbender Prozesskosten. Dabei hatte er aber die Rechnung ohne die Digg-Nutzer gemacht, was bei einer Seite, die von Community-Effekten und der Macht der Masse lebt, natuerlich nicht funktionieren kann. So posteten Hunderte Digg-Nutzer fleissig weiterhin besagten Code, so dass es fuer die Seitenbetreiber schlicht unmoeglich wurde, mit der Loeschung nachzukommen. Wodurch sich gestern Kevin Rose zur marketingwirksamen Kapitulation gzwungen sah, die er in einem leicht pathosverklebten aber dafuer umso herzzerreissenderen Post bekanntgab:

Today was an insane day. And as the founder of Digg, I just wanted to post my thoughts…

In building and shaping the site I’ve always tried to stay as hands on as possible. We’ve always given site moderation (digging/burying) power to the community. Occasionally we step in to remove stories that violate our terms of use (eg. linking to pornography, illegal downloads, racial hate sites, etc.). So today was a difficult day for us. We had to decide whether to remove stories containing a single code based on a cease and desist declaration. We had to make a call, and in our desire to avoid a scenario where Digg would be interrupted or shut down, we decided to comply and remove the stories with the code.

But now, after seeing hundreds of stories and reading thousands of comments, you’ve made it clear. You’d rather see Digg go down fighting than bow down to a bigger company. We hear you, and effective immediately we won’t delete stories or comments containing the code and will deal with whatever the consequences might be.

If we lose, then what the hell, at least we died trying.

Digg on,

Kevin

Nach der Lektuere musste ich mir dann doch fast eine Traene aus dem Augenwinkel wischen. Natuerlich mag man den Digg-Betreibern Berechnung unterstellen, koennte sich dieser Internetselbstlaeufer doch als der Marketingcoup schlechthin fuer Digg herausstellen. Nichtsdestotrotz loest sich hier aber endlich mal eines der ewigen Versprechen des Webs ein – die Demokratisierung der Massen. Zeigt sich hier doch, dass das Netz durchaus in der Lage ist, entgegen jeglicher Monopolisierungstendenzen und Regulierungsbemuehungen, den Willen der Mehrheit zu realisieren. Der gemeine Internetmob ist also doch offensichtlich nur bedingt kontrollierbar, was zwar nur dem basisdemokratischen Gedanken des Netze gerecht wird, aber am Ende natuerlich auch immer ein grosses Risiko fuer all die community-basierten Web 2.0-Dinger rund um Wikipedia und Youtube darstellt, die nicht zuletzt den gesetzlichen Regularien unterliegen und nachkommen muessen.

An dieser Stelle wird dann vielleicht auch Wirtschaft und Politik klar, dass sich den Kommunikationstechnologien der Jetztzeit nur schwer mit althergebrachten Sicht- und Handlungsweisen begegnen laesst, vor allem wenn es um Themen wie Geistiges Eigentum und Meinungsfreiheit geht. Bauchschmerzen bekomme ich bei dieser Geschichte daher auch insofern, als dass die mangelnde Kontrollierbarkeit der Massen, die in dieser Geschichte zutage trat, sowohl von Politik als auch Industrie wohl als ernstzunehmendes Risiko betrachtet werden wird und die logische Reaktion in den verkrusteten Koepfen der Entscheider in diesen Kreisen bisher meist Zensur, Ueberwachung und weitere Kontrollmechanismen waren. Auch wenn dies auf Dauer offensichtlich nicht funktionieren kann. Das derarte Repressialien absolut kontraproduktiv sind, zeigt wohl auf beeindruckendste Weise der Umstand, dass sich laut BoingBoing heute inzwischen 368.000 Webseiten mit dem umstrittenen AACS-Key finden lassen, waehrend es gestern noch gerade mal 36.000 waren. Es bleibt also spannend und in dieser Geschichte duerfte wohl definitiv noch nicht das letzte Wort gesprochen sein….

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