Wider die Knut-ifizierung der Medien…

knutifiziertNeulich am Zeitungsstaender im oertlichen Supermarkt. Irgendwie aehneln sich die Titelseiten von Sun bis Times in letzter Zeit auffaellig, prangt doch das Gesicht von „Maddie“ – dem vermissten, aber momentan zumindest in UK medial omnipraesenten Maedchen – seit geraumer Zeit von so ziemlich jedem Cover. Und das halte ich fuer mehr als bedenklich und einen weiteren Beweis dafuer, dass Medien schon lange nicht mehr ihren eigentlichen Funktionen nachkommen – neben Entertainment auch Information und Aufklaerung. Natuerlich ist es ein hehres Vorhaben, die Suche nach Maddie mit medialer Hilfe zu stuetzen, aber in Anbetracht der Tatsache, dass weltweit taeglich Menschen verschwinden, ist die Willkuer, mit der hier ein Einzelschicksal zum medialen Grossereigniss fuer die breite Masse gemacht wird, mehr als bedenklich. Passieren in der Weltgeschichte doch stets – und auch aktuell – Ereignisse, die von wesentlich groesserem breiten Interesse sein sollten. Maddies Bilder haben einfach einen aehnlich hohen Knuddeligkeitsfaktor und erreichen dadurch einen Massenappeal, mit dem der Irakkrieg oder die Vorratsdatenspeicherung einfach nicht mithalten koennen. Juengst erst hat auch Knut der Eisbaer gezeigt, mit welchem Eifer Medien – auch die oeffentlich finanzierten – die Vermarktung massenwirksamer Themen vorantreiben und dabei komplett ihren (oeffentlichen) Auftrag – Aufklaerung und Information – vernachlaessigen.

Ein derartiges Ungleichgewicht der medialen Praesenz von Themen in den Massenmedien fuehrt zwangslaeufig zu einem Zerrbild der Realitaet und einer Weltsicht, die von knuddeligen Eisbaeren oder nasenoperierten, magersuechtigen Models dominiert wird und zu entscheidenden Fragen aus Gesellschaft und Politik nichts mehr beizutragen hat. Durch eine derart debile Priorisierung publikumswirksamer Themen entsteht ein mediales Weltbild, das an Schwachsinnigkeit kaum zu ueberbieten ist. Die Schuld kann man natuerlich nicht nur den Medien in die Schuhe schieben, die doch nur einen Markt bedienen, der die Einfachheit des Boulevardjournalismus der Komplexitaet realer welt- und gesellschaftspolitischer Ereignisse vorzieht. Doch je mehr die Medien dieser Marktnachfrage entsprechen, umso mehr entsteht ein Kreislauf der Verdummung, der nicht so einfach zu durchbrechen sein wird. Auch die juengst von Habermas vorgeschlagene Subventionierung der Medien – die ja so schon stattfindet – zur Sicherung des Qualitaetsjournalismus als wichtigem Standbein der Demokratie, halte ich nur fuer bedingt tragfaehig und stimme in diesem Punkt voll und ganz mit Frau Bunz ueberein. Streben doch am Ende auch die staatlich gefoerderten Oeffentlichen stets nach Quote und scheuen sich auch nicht davor, die Formate der Privaten zu kopieren, was letztendlich noch erbaermlicher als die privaten Originale anmutet. Mehr Hoffnung setze ich da schon auf die im Netz aufkeimende Medienvielfalt, die von schlichten Blogs ueber Webzeitungen bis zu Netz-TV reicht und zumindest etwas thematische Diversifizierung herstellen kann. Ich denke zwar auch nicht, dass die Themen innerhalb von Netzmedien wirklich ausgewogen sind, aber trotzdem kann eine weitere Diversifizierung nur von Vorteil fuer den geneigten Konsumenten sein. Spannend waere es an dieser Stelle schon, die Praesenz diverser Themen in den verschiedenen medialen Kanaelen zu untersuchen. Beispielsweise war Knut zwar auch dem ein oder anderen Blogger den ein oder anderen Post wert, hat sich die Hysterie aber doch in Grenzen gehalten. Und im Fall Maddy liessen sich die meisten gar nicht erst vom medialen Ueberhype erfassen.

In meinen Augen zeichnet sich da gerade auch eine gesellschaftliche Teilung entlang des Medienkonsums ab. Waehrend Internet zwar auch immer fuer groben Unfug gut ist, wuerde ich dem gemeinen Blogleser aber doch einen gewissen Intelligenzvorsprung unterstellen, setzt doch die aktive Suche nach ansprechenden Inhalten in den Weiten des Netzes ein gewisses Mass an Intellekt und vor allem auch an Lust am Lesen, Lernen und Reflektieren voraus. Die Leserschaft traditioneller Medien duerfte sich daher – Achtung: Pauschalisierung – zunehmend aus denen rekrutieren, denen diese Schwelle zu hoch scheint. Somit nimmt vielleicht nicht nur die Zahl sondern auch das Vermoegen und der Wille des durchschnittlichen TV- und Printkonsumenten zu bewusster und aktiver Reflektion auf lange Sicht ab. Pauschalisierung Ende. Wohlgemerkt halte ich das ganze fuer Tendenzen. Nicht fuer pauschalisierbare Aussagen. Bin ich doch auch nach wie vor bekennender Fan von Magazinen und Zeitungen. Nur eben nicht aller, und vor allem, nicht als ausschliessliche Informationsquelle.

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