Francesco Tristano – „Not For Piano“ (Infiné Music/Discograph)

notforpiano

Der Clubwelt ist Francesco Tristano wohl bisher am ehesten durch seine energetisch flirrende Pianoadaption von Derrick May’s Überklassiker „Strings of Life“ aufgefallen. Tristano ist aber weit mehr als ein Technoschlager nachklimperndes Kuriosum sondern vielmehr ein echtes Wunderkind am Pianistenhimmel und musikalischer Grenzgänger vor dem Herrn. Bereits mit blutjungen 25 Jahren hat er eine Bilderbuchkarriere als virtuoser klassischer Pianist hingelegt, in den renommiertesten Orchestern gespielt, gefeierte Eigenkompositionen veröffentlicht und ist zum hochdekorierten Star in der klassischen Musikszene aufgestiegen. Als musikbegeistertes Universalgenie gab es bei ihm aber auch schon frühzeitig eine grosse Liebe zum Jazz und zu zeitgenössischer Musik im Allgemeinen, so dass er frühzeitig auf seinen Konzerten begann, mit Stilen und Epochen zu spielen, was überraschenderweise auch vom Publikum gutiert wurde. Ein ganz spezieller Fall also. Da passt hervorragend ins Bild, dass sein aktuelles Album „Not For Piano“ auf dem nicht weniger speziellen Label Infiné Music erscheint, das 2006 vom französischen Technoyoungster Agoria gegründet wurde und bisher durch einige wenige, aber durchaus tolle Veröffentlichungen von Apparat, Tristano und Danton Eeprom aufgefallen ist. Damit wollte es aber auch bisher – genau wie Tristano – noch so gar nicht in eine Schublade passen. Und Tristanos Album ist tatsaechlich nichts weniger als grossartig, authentisch und eine absolute Ausnahmeerscheinung. Produziert von Murcof bietet es einige bezaubernde Eigenkompositionen, die vom fröhlich und fast eingängigen „The Melody“ bis zu melancholisch verträumter Pianodramatik wie bei „Barcelona Trist“ reichen. Neben besagtem „Strings of Life“ finden sich aber auch zwei weitere kongeniale Adaptionen zeitgenössischer Klassiker aus dem Clubkontext: „The Bells“ vom Meister Jeff Mills und „Andover“ eine wirklich grossartige Adaption von Autechres „Overand“. Man mag sich bei Pianoadaptionen von Clubklassikern vielleicht an Maxence Cyrins schöne, aber etwas zu unbeherzte „Modern Rhapsodies“ erinnert fühlen. Tristanos Überarbeitungen bieten demgegenüber aber eine weitaus grössere Vielschichtigkeit und Multidimensionalitaet, die Cyrins eingaengige Klavierperlen am Ende nur noch uninspiriert und nichtig erscheinen lassen. Tristano ist eine absolute Ausnahmeerscheinung in der zeitgenössischen Musik und nichts weniger als das ist auch sein Album „Not For Piano“. SD

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