Hot Chip – „In Our Heads“ (Domino)

Die Welt, angefangen von der Londoner Brick Lane bis hin zur Fußgängerzone in Paderborn, ist inzwischen voller Hot Chips. 80er Casio-Uhren sind seit einer Dekade Mainstream und nerdige Hornbrillen sowieso. Und das trifft natürlich nicht nur auf Äußerlichkeiten zu, sondern auch auf den Sound. Referenzgeladener Indie-Pop mit Elektronik- und Disko-Anleihen ist allgegenwärtig, und zwar aus den unterschiedlichsten Beweggründen. Da muss man sich natürlich was einfallen lassen, wenn das eigene, einstmals recht originelle Image so dermaßen von der breiten Masse assimiliert wurde. Das Vorgängeralbum „One Life Stand“ zeigte schon einen möglichen Ausweg auf und der lautete volle Breitseite Hitparade, gerne auch inklusive Autotune und Euro-Trash. Nachdem Indie der neue Mainstream war, drehten die Herren um Joe Goddard und Alexis Taylor nun den Spieß um. Je nach Lesart kamen hier Vergleiche mit Jeff Koons oder den Backstreet Boys auf. Das neue Album In Our Heads geht den Schritt nun konsequent weiter, hat die satirische Überzeichnung aber nicht mehr nötig, sondern steht mehr oder weniger ironiefrei zur neuen Pop-Identität. Da steckt kein bisschen zynische Trotzreaktion mehr drin, sonder ausschließlich lupenreiner Pop, zwischen 80er Synthie-Pop und gelegentlichen Disko-Referenzen, aber immer zum Mitsingen und fast immer im 4/4-Takt. Hymnen wie „Flutes“, „How Do You Do“ oder „These Chains“ kann man sich dann auch schwer entziehen. Hatte „One Life Stand“ mich tatsächlich noch etwas befremdelt, ist In Our Heads ein Album, das mich sofort umarmt, von der ersten bis zur letzten Minute. Und das dadurch kaum besser zum akut hereinbrechenden Frühling passen könnte. SD

(aus Groove No. 136)

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