Kiasmos – „Kiasmos“ (Erased Tapes)

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Als Fan von Ólafur Arnalds muss ich gestehen, dass mich die Ankündigung des Kiasmos Albums nicht wirklich so recht von den Socken hauen wollte. Zu sehr klang das alles nach der üblichen Crossover- Soße, nach Neoklassik mit Beats, nach nettem Bildungsbürgertechno, der dann doch zu undeep für den Club und zu sehr 4/4-Stoik für Konzertsaal oder zu Hause ist. Kurz, das roch nach langweiligem Kompromiss. Und soviel vorab: ich lag sowas von daneben. Kiasmos ist nämlich alles auf einmal, und dabei eben nicht der Bindestrich-Sound der nirgendwo so recht hingehört, sondern eben genau der, der einfach überall zuhause ist. Einer der House-Geschichte atmet, Arme auf dem Dancefloor in die Höhe schnellen und Herzen unter den Kopfhörern aufgehen läßt. Ólafurs virtuose Spiel- und Kompositionskünste werden hier famos durch Janus Rasmussens Synths und Beats in deepe und wunderbar schwelgerische House-Dramen verpackt, in denen unwahrscheinlich viel Liebe zum Detail, zu Musik im Allgemeinen und Tanzmusik im Speziellen stecken. Drum Machines, gesampeltes Fingerschnipsen, und zischelnde Feuerzeuge bilden das rhythmische Fundament, auf dem sich Ólafurs melancholische Melodien aus Daumenklavier, Flügel und Streicherquartett tummeln. Die Repetition und Ausdauer eines stoischen House-Beats tut Arnalds barockem Sound nicht nur gut, sondern er scheint sich sogar hier erst zur vollen Größe entfalten zu können. Während Ólafurs letztes Album „For Now I am Winter“ manchmal zu viel von allem zu haben schien, finden die beiden Isländer hier auf magische Weise immer genau das richtige Maß und lassen dabei auf fast jedem Track die Nordlichter im isländischen Winter aufgehen. Das anfänglich so unscheinbare Kiasmos wächst mit jedem Hören mehr zu einem der besten Alben des Jahres heran. SD

(aus Groove No. 151)

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